Unternehmerischer Mut und kalkuliertes Risiko

Interview mit Eric von Graffenried Von Joël Ch. Wüthrich

Eric von Graffenried: Er hat die Gelegenheit beim Schopf gepackt und ist bei Chocolat Ammann als neuer Patron eingestiegen.

Es braucht schon eine Portion Mut und Überzeugung, wenn man als erfolgreicher, etablierter Rechtsanwalt und Notar die Branche wechselt und sich einer völlig neuen Herausforderung stellt. Das wagte Eric von Graffenried (58) und packte eine sich ihm bietende Gelegenheit beim Schopf. Seit knapp einem Jahr ist er der neue Besitzer und CEO von Chocolat Ammann in Heimberg.

Wie viele unternehmerisch denkende Personen wartete Eric von Graffenried genau auf diese Chance: «Ich wollte die Branche wechseln und etwas ganz Neues beginnen. Doch es sollte zu mir passen. Dann kam die Gelegenheit, die ich beim Schopf packte.» Nun sorgt er als neuer Besitzer und CEO von Chocolat Ammann AG für Bewegung beim Familien- und Traditionsunternehmen, das mit Eiweissschaum, Schokolade und Waffel die wohl qualitativ besten Mohrenkönige herstellt. 

Eric von Graffenried liess einiges hinter sich, um seinen neuen unternehmerischen Traum zu verwirklichen. Unter anderem auch seine Präsidentschaft in der Gemeinde Kirchdorf. Nach 25 Jahren in der Rechtsberatung fokussiert er sich auf die Herstellung der süssen Verlockungen. Wobei er die Berner Kanzlei nach wie vor betreibt. Der Schritt der Umsetzung und der Mut, sich freiwillig auf ein neues Terrain zu begeben, hat ihm, sowohl in seinem Umfeld wie auch bei seinen neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Respekt verschafft. Wir haben ihn und sein Team in Heimberg besucht.

«Geschäftsführer»: Eric von Graffenried, wie viel Mut brauchte es im zarten Alter von 58 Jahren, um diesen einschneidenden Schritt zu wagen? Und wie waren die Reaktionen in Ihrem privaten und beruflichen Umfeld?
Eric von Graffenried: Die Reaktionen waren positiv. Manche ehemalige Berufskolleginnen und -kollegen waren froh, mich nicht mehr als Vertreter der Gegenpartei zu haben (lacht). Spass beiseite: Viele haben mir zu diesem Schritt gratuliert und wussten auch, dass dieser wohlüberlegt war, ich meinem Bauchgefühl folgte und mir einen lange gehegten Wunsch erfüllte. Das Alter ist nicht der entscheidende Faktor. Die Motivation und die Begeisterungsfähigkeit für die Sache sind entscheidend. Dies gibt Mut und Kraft, die neue Herausforderung anzupacken. 

Motivation und Begeisterungsfähigkeit sind gute Stichworte: Jedes Unternehmen hat eine Unique Selling Proposition (USP), also ein Alleinstellungsmerkmal. Viele hätten auch gerne eine Emotional Selling Proposition, also ein emotionales Alleinstellungsmerkmal (ESP).
Wenn wir bei uns von der Unique Selling Proposition USP sprechen, dann ist das eindeutig das Produkt. Wir stellen ein Genussmittel her. Spricht man von Genuss, dann ist man schnell beim Thema Emotionen. Unsere ESP sind also die Emotionen, die einhergehen mit dem Genuss der Mohrenkönige. Was neu als emotionales Alleinstellungsmerkmal dazukommt, das gleichzeitig auch ein USP ist: Wir fühlen uns der Nachhaltigkeit verpflichtet. Bei den Verpackungen haben wir bereits innovative Lösungen entwickelt und umgesetzt. Unsere Sichtfenster sind zum Beispiel nicht mehr aus Plastik, sondern aus kompostierbarer Cellulose. Bei den Blisterverpackungen sind wir mit einer Partnerunternehmung daran, einen ähnlichen Lösungsansatz zu testen. Wir wollen weg vom PET. Die bei uns eingesetzten Materialien sollen zu hundert Prozent abbaubar, also kompostierbar sein. Im Bereich der Aromen werden wir weitgehend natürliche Aromen verwenden. Des Weiteren setzten wir alles daran, energieeffizient zu arbeiten. Hierzu gehört die Planung einer Photovoltaikanlage auf unserer Produktionshalle. Ein Bereich, der durchaus auch in das Kapitel ESP eingeordnet werden kann, sind die Freiräume, die ich im Unternehmen fördere: zum Mitdenken, zu Ideenentwicklungen oder der gelebten Meinungsvielfalt.

Das Thema Nachhaltigkeit haben Sie ja in Ihrer Prioritätenliste ganz oben …
Das ist richtig. Wie bereits erwähnt, suchen wir laufend nach neuen Lösungen, die dem Umweltschutz und der Einschränkung der Klimaerwärmung dienen. Wir haben erste Auftraggeber, welche genau deswegen mit uns zusammenarbeiten. Sie wollen zum Beispiel auf der Verpackung kommuniziert haben, dass diese kompostierbar ist. So lassen wir USP und ESP für uns sprechen. 

Sie sagen, dass der Wert des Mohrenkopfes generell als nicht sehr hoch gesehen wird. 
Dies ist mein Eindruck. Der Mohrenkopf ist über die Landesgrenzen hinaus beliebt, jedoch gilt es als «günstiges» Genussmittel. Hier wollen wir mit unseren Produkten vermehrt ansetzen und mit Qualität, neuen Formen und Geschmacksvielfalt den Wert steigern. In den letzten Jahren waren wir mit unseren Produkten und zum Teil mit unseren Claims in der Öffentlichkeit präsent, aber nicht mit der Marke «Chocolat Ammann». Das soll sich ändern. Hier­zu gehören unser neues Logo, die Einführung neuer in­dividuell gestalteter Boxen für Bu­siness-to-Business-Kunden und die Entwicklung neuer Geschmacksrichtungen. 

Man hört von Ihnen, dass Sie einen modernen, partizipativen Führungsstil haben und motivierend einwirken. Arbeitspsychologen und New-Work-Fachleute sprechen ja gerne von der Wichtigkeit sinnstiftender Aufgaben. Die Führungskraft der Zukunft soll ein Coach, ein Mentor, ein Brückenbauer, «Ermöglicher» und Zukunftsgestalter sein. Mitarbeitende werden mitgenommen und am Prozess so beteiligt, dass eine Identifikation entsteht. Finden Sie sich als Führungsperson da wieder?
Da wir einen grossen Anspruch auf gutes Teamwork haben, möchten wir natürlich, dass alle im Betrieb sich als Mitwirkende verstehen. Wir sind angewiesen auf die wertvollen Erfahrungen und Kenntnisse unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Auch sie erkennen Verbesserungsmöglichkeiten. In diesem Sinne ist es mein Bestreben, dass die Menschen hier nicht nur arbeiten, sondern auch mitwirken und -gestalten. Wir als Führungsteam – Raphael Schlup als Leiter Verkauf, René Balmer als Leiter Produktion und ich – leben diesen Führungsstil vor und sind jederzeit offen für konstruktive Vorschläge. Auch organisatorisch und strukturell sind wir in einer ständigen Weiterentwicklung. Alle sollen sich mit dem Change-Prozess identifizieren, diesen mittragen und keine Angst davor haben. 

Trotz allem braucht es in der Geschäftsleitung nicht nur Impulsgeber und Brückenbauer. Sie müssen als Führungsperson das Unternehmen und die Produkte ja auch verkaufen. Es braucht einen «Kopf», eine Person, die authentisch die Philosophie verkörpert. Helfen Ihnen Ihre Erfahrungen aus dem früheren Berufsleben dabei?
Ja, unter anderem beim Umgang mit den Kunden und bei der Einarbeitung in neue, komplexe Themen. Diese Kernkompetenzen kann ich auch heute einsetzen. Ich lerne gleichzeitig sehr viel Neues dazu. Früher war ich hartnäckig und präzise in meiner Herangehensweise und Lösungsfindung. Heute muss ich dies bei Vorgängen sein, die für mich neu sind. Dies ist sehr spannend. Ich stehe mit meinem Namen dafür ein, dass erst dann etwas realisiert, produziert und ausgeliefert wird, wenn es stimmig ist und unsere Firmen-Philosophie widerspiegelt. Das gilt auch in den Produktionsprozessen. Die Entwicklung neuer Produkte bis zur Marktakzeptanz macht Spass, ist gleichzeitig aber sehr anspruchsvoll. Das gefällt mir. 

Welche Lieblingsdisziplin haben Sie als CEO?
Ich kommuniziere gerne mit meinen Mitmenschen. So bin ich täglich in der Produktion anzutreffen, um mich unter anderem auch mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu unterhalten. Hier helfen mir meine Sprachkenntnisse, was ungemein geschätzt wird. Zudem habe ich den Ruf, ein «Räpplispalter» zu sein. Damit kann ich gut leben. Jede Investition, jeder Einkauf, jeder Prozess muss gut geplant sein, um damit auch die Kosten zu optimieren. Das ideenreiche Optimieren liegt mir ungemein. «Penny Pinching» hat zwar einen ambivalenten Ruf, ist aber ein kreativer Prozess. 

Innovative Ideen und Tradition
Chocolat Ammann steht ein für qualitativ hochstehende Zucker-Eiweissschaum-Produkte und somit für ein einzigartiges Genussmittel. Das Unternehmen weist dementsprechend auf die Komplexität der Herstellung dieses Frischproduktes und dessen Einmaligkeit aktiv hin. Der Mohrenkönig, wie der Mohrenkopf bei Chocolat Ammann seit 1959 heisst, verfügt über eine generationenübergreifende Beliebtheit. Diese wird gepflegt und gefördert. Innovative Ideen in den Bereichen Geschmacksrichtungen, Verpackungen und Formen schaffen neue Impulse.

Eric von Graffenried: «Unsere Produkte und unsere Kreativität gehören in die lange Tradition weltweit erfolgreicher Produkte rund um Schokolade aus dem Kanton Bern. Denken wir nur an die Anfangszeiten mit Tobler und Sprüngli in der Stadt Bern, an die Ovomaltine von Wander oder an die einmalige Form der Toblerone. Diesen gross­artigen Ruf gilt es zu pflegen und zu fördern. Chocolat Ammann ist Teil dieser Geschichte und kann dieses Jahr nicht ohne Stolz ihr 70-jähriges Bestehen feiern.»

Das Unternehmen stellt sich den aktuellen Herausforderungen und findet zukunftsgerichtete Lösungen. Gerade Klima­erwärmung ist ein entscheidendes Thema bei Chocolat Ammann – so überdenken die Verantwortlichen sämtliche bis­herigen Verpackungen und Materialien und streben derer vollständige Wiederverwertbarkeit und Kompostierbarkeit an. In der Produktion und bezüglich Infrastruktur ist vorgesehen, die Energieeffizienz massiv zu steigern. Ziel ist, den Stromverbrauch und Heizungsbedarf zu reduzieren und Energie möglichst aus alternativen Energie­formen – Photovoltaik und Holz – zu gewinnen. «Was wir nicht ändern werden, sind unsere bewährten Rezepte. Neue werden jedoch hinzukommen. Unsere Mohrenkönige sind und bleiben ein Genussmittel. Diese Freude wollen wir teilen.»

www.chocolatammann.ch