Steuerung der Mobilität radikal umdenken – jetzt!

von Charles Staubach und Avenir Mobilité

Kontextuelle Faktoren werden oft von Behörden und Politik vernachlässigt, wenn es um die Steuerung der Mobilität geht.

Unter dem Titel «Verhaltensökonomie und Mobilität» beschäftigte sich die Dialog-Plattform für intelligenten Verkehr, AVENIR MOBILITÉ | ZUKUNFT MOBILITÄT, in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Raumentwicklung ARE mit der Frage, wie Erkenntnisse der Verhaltensökonomie zur Lösung der Herausforderungen im Bereich Mobilität und Verkehr beitragen können. Fazit: Kontextuelle, individuelle und psychologische Faktoren werden von Behörden und Politik bei der Steuerung der Mobilität vernachlässigt. Das könnte verheerende Folgen haben.

Die dynamische Wirtschafts- und Bevölkerungsentwicklung führt zu Verkehrswachstum und stellt Politik und Gesellschaft vor enorme Herausforderungen. Der Verkehr und die damit einhergehenden negativen Auswirkungen sind immer auch das Resultat täglicher Mobilitätsentscheide.

Im Zentrum steht der einzelne Mensch und sein Mobilitätsverhalten. Entscheidend für die Lösung der Verkehrsprobleme ist deshalb insbesondere auch das fundierte Verständnis der Treiber des menschlichen Mobilitätsverhaltens. Ergänzend zu den klassisch-ökonomischen Ansätzen befasst sich die Verhaltensökonomie, die mit Richard Thaler den aktuellen Wirtschaftsnobelpreisträger stellt, mit dem oft nicht a priori rationalen Verhalten der Menschen. Mehr als 130 Fachleute aus Wirtschaft, Verwaltung und Wissenschaft liessen sich im Hotel Bellevue in Bern von Verhaltensökonomen, Behördenvertretern und führenden Organisationen über den Stand der Dinge in diesem Feld informieren.

Die Experten auf diesem Fachgebiet waren sich einig: Es muss ein radikales Umdenken bei der Steuerung der Mobilität stattfinden. An einer hochrangig besetzten Tagung von AVENIR MOBILITE l ZUKUNFT MOBILITÄT in Bern wurde ein Paradigmenwechsel gefordert. 

Politik und Behörden setzen vor allem auf Preis und Zeit als Steuerungsmittel 
Denn in der Schweiz setzen Politik und Behörden fast ausschliesslich auf Preis und Zeit als Steuerungsmittel des Mobilitätsverhaltens, obwohl evidenzbasierte Forschung belegt, dass viele weitere Faktoren eine entscheidende Rolle bei der Wahl des Verkehrsmittels spielen. Politik und Behörden in der Schweiz gingen, so wurde berichtet, immer noch davon aus, dass Menschen bei der Wahl des Verkehrsmittels hauptsächlich auf Zeiteffizienz und Kosten achten. Entsprechend würden sich die Bestrebungen zur Lenkung des individuellen Mobilitätsverhaltens vor allem auf diese zwei Faktoren konzentrieren. So bekämen Debatten wie beispielsweise jene über Pendlerabzüge, dynamische Billettpreise oder Parkplatzgebühren jeweils immer mehr Gewicht als andere, herausfordernde Aspekte. Tatsache sei nämlich, dass die Menschen auch nach ganz anderen Kriterien ihr Mobilitätsverhalten anpassen. 

Kontextuelle, individuelle und psychologische Faktoren
Mobilitätsfachleute sprechen hierbei gerne von der stiefmütterlichen Behandlung «kontextueller Faktoren» wie das Wetter oder der Wochentag und von individuellen Faktoren wie die Art der Aktivität (Freizeit oder Beruf, Einkaufen oder Ausgehen) und die Gewohnheiten. Auch die psychologischen Faktoren wie zum Beispiel das «Freiheitsdenken» oder das Bedürfnis nach grösstmöglicher Flexibilität werden bei der Steuerung der Mobilität durch Behörden und Politik massiv unterschätzt. Ergo: Mobilitätsverhalten basiert auf weit mehr Faktoren als Zeiteffizienz und Kosten. Die Forderung ist also klar: Solche gewichtigen kontextuellen, individuellen und psychologischen Entscheidungskriterien müssen öfter und prominenter in die politische Debatte einbezogen werden. Die Wichtigkeit dieses Umdenkens würde durch die Resultate in der empirischen Verhaltensforschung gestützt und belegt. Nur so könne man systematische Fehleinschätzungen der Wirksamkeit von Preis- und Zeit-Anreizen verhindern. Eine aktuelle Studie zum Mobilitätsverhalten (Autoren: FehrAdvice) zeige zudem deutlich, dass reine Preis- und Zeit-Anreize oft nicht zur beabsichtigten Wirkung führe. Der Mensch gewichte insbesondere beim Einkaufsverkehr die Kosten- und Zeitfaktoren des gewählten Verkehrsmittels viel weniger stark, als bisher allgemein angenommen wurde. Viele zusätzliche Faktoren wie beispielsweise die Bequemlichkeit, die Wetterbedingungen oder die Kombination des Einkaufens mit anderen Tätigkeiten würden das Mobilitätsverhalten markant beeinflussen. Es brauche daher ein fundamentales Umdenken bei der Entwicklung von Anreizsystemen auf der Basis von Verhaltensforschung.

Verhaltensökonomie hilft bei der Lösung von Mobilitätsproblemen
Nicole Mathys vom Bundesamt für Raumentwicklung im Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) bezifferte am Forum «Verhaltensökonomie und Mobilität» die volkswirtschaftlichen Kosten für den motorisierten Strassen- und Schienenverkehr, dessen Infrastruktur und die damit zusammenhängenden Unfall- und Gesundheitskosten mit über 10᾽000 Franken pro Kopf und Jahr. Laut Mathys könne auch die Verhaltensökonomie einen wichtigen Beitrag zur Lösung der Mobilitätsprobleme leisten. 

Das Fazit von Hans Werder, Präsident von AVENIR MOBILITE l ZUKUNFT MOBILITÄT: «Es braucht einen Paradigmenwechsel in der Mobilitätsforschung, in der Mobilitätspolitik und in der Mobilitätspraxis. Es gibt in der Schweiz noch immer Studien, die nur auf Preis- und Zeitfaktoren fokussieren. Es zeigt sich jedoch, dass die Realität viel komplexer ist. Es ist an der Zeit, die Erkenntnisse der Verhaltensökonomie bei allen Mobilitätsthemen miteinzubeziehen. Zukünftige verkehrspolitische Entscheide müssten auf Evidenz beruhen und nicht auf blossen Annahmen zum menschlichen Verhalten.» 

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