Standortportrait Bern Ost | «Gring ache u mache» – Ein Netzwerkraum im Umsetzungsfieber

von Joël Ch. Wüthrich

Im Grossraum Bern Ost – in unmittelbarer Nähe des BEA Expo-, Postfinance Arena- und Stade-de-Suisse-Areals – nehmen die Gemeinden Bolligen, Ittigen und Ostermundingen einen besonderen Platz ein, weil sich die Gewerbetreibenden und Unternehmen der Region als «Netzwerkraum» verstehen. Wir haben uns über die Besonderheiten mit Markus Burkhalter, Präsident des hiesigen Gewerbevereins, unterhalten.

Eine ganze Menge wird los sein in der Region «BIO» ab Sommer und Herbst 2018: Das Highlight bietet die Gewerbeausstellung vom 12. bis 14. Oktober 2018 im Oberstufenzentrum Eisengasse OZE in Bolligen, bei welchem parallel dazu auch gleich das 100-Jahr-Jubiläum des Gewerbevereins Bolligen-Ittigen-Ostermundingen gefeiert wird. Zuvor findet in der Pilatus Flugzeugwerke AG Stans der grosse alljährliche Sommerevent statt, und am 1. September 2018 wird in Ostermundigen der Herbstmärit durchgeführt. Ja, es sei ein spannendes Jahr, bestätigt Markus Burkhalter (Burkhalter Architekten AG, Ittigen), Präsident des Gewerbevereins BIO: «Die Veranstaltungen werden eine spannende Angelegenheit und viele Leute interessieren. Aber es tut sich 2018 natürlich noch viel mehr in den drei Gemeinden bezüglich Gewerbe und Industrie», so Burkhalter.

Hilfestellungen für das Gewerbe
Der Gewerbeverein BIO ist spezialisiert auf Hilfestellungen und Problemlösungen jeder Art für die Mitglieder. Markus Burkhalter: «Wir stehen zur Seite mit unserem Netzwerk und fördern auch einen Know-how-Transfer. Die Diversifikation des Gewerbes in der Region ist hoch, die Wirtschaft ist breit aufgestellt, und wir beherbergen viele KMU, aber eben auch grössere Unternehmen. So ist es wichtig, dass wir vom Gewerbeverein auch den Einfluss des Gewerbes in Politik und Wirtschaft stärken. Für unsere Mitglieder üben wir auch einen gewissen Einfluss aus und lassen Beziehungen wirken, da einige von uns – ob nun im Vorstand tätig oder nicht – in Gemeinderäten und Kommissionen sitzen und genau wissen, welche Ideen und Konzepte in der Region kursieren.»

Das grosse «Tra(u)mprojekt»
So ist man in Ostermundingen äusserst gespannt auf den Projektstart für die neue Tramverbindung mit Bern, welche die Hauptachsen und -strassen nicht nur entlasten, sondern auch Ostermundingen als Gemeinde aufwerten. Die geplante Neubaustrecke ist 4,2 Kilometer lang und folgt der heutigen Buslinie 10 nach Ostermundigen. Das Projekt kostet rund 264 Millionen Franken. 102 Millionen würde der Kanton bezahlen. Die restlichen Kosten teilen sich der Bund, die Gemeinden und Infrastrukturfirmen wie die Swisscom, die BKW oder die EWB. Mit dem Geld sollen auch Werkleitungen und Strassen zwischen Bern und Ostermundigen saniert werden. Ebenfalls spannend sei, so Burkhalter, die geplante Verdichtung nach innen in der strategischen Stadtentwicklung: Eine Ortsplanungsrevision steht an. Das ist jeweils ein richtiger Kraftakt für eine Gemeinde.

Grosses Anpacken im Bahnhofsviertel
In Bolligen ist eine nachhaltige Optimierung der Gewerbeflächen in Planung, und einige Projekte werden stark vorangetrieben. Burkhalter: «Was in Bolligen aktuell besonders im Fokus steht, ist die Nutzungsoptimierung für Gewerbe und Wohnungsbau rund um den Bahnhof.» Schon Ende 2016 wurde ein viel gelobtes Projekt realisiert: das Studentenwohnheim «Student’s Lodge» (Kosten: 22 Millionen) beim Bahnhof. Das Haus bietet Platz für 150 Personen. 80 Prozent der Zimmer waren sofort vermietet.

Die Aufwertung des Bahnhofsviertels ist in vollem Gange. Auch die neuen Terrassenhäuser direkt neben der «Student’s Lodge» tragen ihren Teil dazu bei. Die Nachfrage war um einiges grösser als das Angebot. Des Weiteren soll das Areal bei der UBS-Filiale, die sich oberhalb des Bahnhofs befindet und bei der Musikschule hinter der Bank neuen Geschäftsräumlichkeiten und weiteren Wohnungen Platz machen. Die UBS möchte ihren Sitz hierbehalten und wird in den Neubau ziehen. 2017 bezogen über 200 Personen ihre neue Wohnung am Bahnhof Bolligen. Auch das Verkehrsregime muss angepasst werden. So wurde unter anderem im Ortskern ein Kreisel angebracht, der diesen aufwertet und verkehrstechnisch eine Öffnung der Gemeinde erwirkt. Auch bei den Schulstandorten gab es Bewegung: So wurden diese von drei auf zwei reduziert. Aus zwei Unterstufen-Schulhäusern wurde eines, welches modernisiert, saniert und ausgebaut wurde.

Auf dem Weg zur Digital City
Ittigen ist gut mit dem ÖV und dem Privatauto erreichbar. Mit dem Zug RBS Linie 7 Richtung Worb kann man in zehn Minuten vom Hauptbahnhof Bern nach Ittigen gelangen. Die «Fabian-Cancellara-Brücke» verbindet das Talgutzentrum mit dem Bahnhof Ittigen. Ausserdem existiert ein Walk of Fame mit der Verewigung sämtlicher Olympiasieger. Ittigen ist auch bekannt dafür, fast so viele Arbeitsplätze wie Einwohner zu beherbergen. Auf gut 11’000 Einwohner kommen mittlerweile 9’000 Stellen – für eine Agglogemeinde ein hoher Anteil. Vor allem die Swisscom wächst, und die Bundesbetriebe dominieren das Gemeindebild. Die Krux an der Sache: Steuern zahlt der Bund keine, dafür fallen für die Gemeinde zusätzliche Infrastrukturkosten an. So ist beispielsweise die Swisscom, die vor Ort einen Businesspark errichtete, ein wichtiger Faktor. Die Swisscom ist in Ittigen der wichtigste Arbeitgeber und zahlt pro Jahr über zehn Millionen Franken Steuern in die Gemeindekasse. So nimmt Ittigen pro Jahr insgesamt 40 Millionen Franken Steuern ein. Die mit Abstand grösste Steuerzahlerin ist also die Swisscom mit Hauptsitz in Worblaufen. Aber man hat sich in Ittigen zum Ziel gesetzt, auf eine andere Strategie zu setzen, die das «Klumpenrisiko Swisscom» etwas abfedert und vermehrt Wohnraum schafft. In der Papiermühle zum Beispiel sollen zwei gemeindeeigene alte Liegenschaften verkauft werden, damit an ihrer Stelle eine neue Wohnüberbauung entstehen kann. Zudem wollen die Behörden altersgerechte Wohnungen fördern. «Ausserdem könnte der Ortskern aufgewertet und zusammen mit der Swisscom neue Impulse für eine Digital City geschaffen werden», sagt Markus Burkhalter, er selbst ein Arbeitgeber im Ort. Die Nähe zur Fachhochschule sei – so Burkhalter – ebenfalls ein grosser Pluspunkt für Ittigen. «Und es bestehen Pläne zu einem Ersatzneubau des Talgutzentrums. Das ist dringend notwendig.» Das Zentrum müsse einen besseren Ladenmix anbieten, wird von vielen in der Region gefordert. Zudem solle der soziale Aspekt im Talgut vermehrt ins Auge gefasst werden. Die Durchführung von Events oder Märkten zieht mehr Leute an. Ausserdem müsste, so fordert man in Ittigen, eine Verbindung zum Bahnhof erstellt und das Quartier als neuer Wohnraum attraktiver werden.

www.gv-bio.ch

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