Reintegration als Herkulesaufgabe

Ein interview mit Adrea Faes von Simon Isermann

Die Wiedereingliederung Von Verunfallten Personen in die betrieblichen Prozesse ist ein Hauptziel der SUVA und für alle beteiligten eine Win-Win-Situation. Die betroffenen verlieren nicht den Anschluss in Der «4.0-ArbeitSWelt», und die Einsparungen an künftigen Taggeld- Sowie Rentenkosten kommen allen SUVA-Versicherten in form tieferer Prämien zugute.

Für Betroffene, die nach einem Unfall wieder in der Arbeitswelt Fuss fassen wollen, sind Massnahmen zum Arbeitsplatzerhalt oder zur Einarbeitung in einen neuen Aufgabenbereich essenziell. Die Suva bietet Unternehmen, die Menschen nach einem Unfall eine berufliche Perspektive ermöglichen, finanzielle Anreize. So hat die Suva die Möglichkeit, mit der Wiedereingliederung verbundene Kosten von bis zu 20’000 Franken zu übernehmen. Massnahmen zur Wiedereingliederung sind unter anderem Anpassungen des Arbeitsplatzes, Ausbildungskurse im Hinblick auf eine Umplatzierung oder Neuanstellung sowie die Einarbeitung an einem neuen Arbeitsplatz. Bei einer abgeschlossenen, erfolgreichen Wiedereingliederung kann zusätzlich ein Erfolgshonorar von 20’000 Franken an das Unternehmen ausbezahlt werden.

188 Verunfallte eingegliedert und 52 Millionen Franken an Rentenleistungen gespart seit 2016
Das «Anreizsystem für betriebliche Wiedereingliederung» wurde von der Suva 2016 ins Leben gerufen. Seither konnte die Suva 188 Verunfallte erfolgreich wiedereingliedern und dadurch 52 Millionen Franken an künftigen Rentenleistungen einsparen. Wichtig: Besteht bei der Invalidenversicherung (IV) kein Anspruch auf Eingliederungsmassnahmen oder wird die IV aus einem anderen Grund nicht aktiv, kann die Suva finanzielle Leistungen im Rahmen ihres Reintegrationsprogrammes übernehmen. Voraussetzung ist, dass sich die Wiedereingliederungsmassnahme für die Suva und damit auch für die Prämienzahler finanziell lohnt.

Berufliche Perspektive anstelle einer Lebenslangen Rente
Die Suva investierte im vergangenen Jahr über 1.2 Millionen Franken in das Reintegrationsprogramm für Verunfallte. 78 Betroffene erhielten eine neue berufliche Perspektive anstelle einer Rente. Dadurch werden die Prämienzahler um 21 Millionen Franken entlastet. Von den 78 Betroffenen fanden 45 Personen wieder eine Aufgabe in der Baubranche und 33 Personen in Industrie und Gewerbe. 74 Personen waren männlich, vier weiblich. Der Altersdurchschnitt der Wiedereingegliederten lag bei 49 Jahren, die jüngste Person war 19 und die älteste 64 Jahre alt.

Eine davon ist eine Buschauffeurin von BERNMOBIL, der Städtischen Verkehrsbetriebe Bern. Sie hat sich bei einem Sturz vor einigen Monaten

eine Steissbeinfraktur zugezogen und kann bis auf Weiteres ihren Beruf nicht mehr ausüben. Nach Einschätzung des Suva-Kreisarztes ist es der Mitarbeiterin aber möglich, im Rahmen von 50 Prozent eine leichte wechselbelastende Tätigkeit auszuüben. BERNMOBIL hat für sie deshalb einen Schonarbeitsplatz in der Materialwirtschaft geschaffen, in welchem sie nun in einem Teilzeitpensum arbeitet. Der Austausch mit den Kollegen, die Abwechslung im Alltag und die Tatsache, endlich wieder «BERNMOBIL-Luft» zu schnuppern, wirken sich rundum positiv auf den Gesundheitszustand der Mitarbeiterin aus. Sie kann solange an dem Schonarbeitsplatz bleiben, bis eine vollständige Rückkehr in den Fahrdienst wieder möglich ist.

Andrea Faes, Case Managerin bei BERNMOBIL, spricht über den Stellenwert der betrieblichen Wiedereingliederung bei BERNMOBIL und die Erfahrungen, die sie mit dem Reintegrationsprogramm der Suva gemacht hat.

«Geschäftsführer»: Welchen Stellenwert hat die betriebliche Wiedereingliederung für BernMobil?
Andrea Faes: Als attraktive Arbeitgeberin in der Region Bern mit knapp 1 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist das Thema «Vielfalt» eine von vier strategischen Stossrichtungen. Dazu gehört auch, Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen wieder in das Arbeitsleben einzugliedern und damit zu heterogenen Teams beizutragen. Hier konnten wir in den vergangenen Jahren zahlreiche Erfolge verzeichnen, was sich wiederum positiv auf unsere Unternehmenskultur und die Zufriedenheit der Mitarbeitenden auswirkt.

Weshalb entschied sich BernMobil für das Reintegrationsprogramm «anreize für betriebliche Wiedereingliederung» der Suva?
BERNMOBIL betreibt seit zehn Jahren ein systematisches betriebliches Gesundheitsmanagement. Ein wichtiger Bestandteil davon ist das Case Management, welches zum Ziel hat, verunfallte oder erkrankte Mitarbeitende rasch und nachhaltig in den Arbeitsprozess zu reintegrieren. Hier bot uns das Reintegrationsprogramm der Suva wertvolle Unterstützung.

Wie viele erkrankte oder verunfallte Personen konnte beRnMobil seit bestehen ihres betrieblichen Gesundheitsmanagements wieder in den Arbeitsprozess reintegrieren? BERNMOBIL betreut laufend ca. 40 Personen im betrieblichen Case Management. Erste Priorität hat stets die Rückkehr an den angestammten Arbeitsplatz, bei rund 90 Prozent der Personen können wir dieses Ziel erreichen.

Wie konnte BernMobil vom «Anreizsystem für betriebliche Wiedereingliederung» profitieren?
Dank des «Anreizsystems für betriebliche Wiedereingliederung» haben wir das Angebot an Schonarbeitsplätzen weiter ausgebaut. Zudem haben wir mit der internen Kommunikation des Reintegrationsprogramms eine weitere Sensibilisierung für das Thema erreichen können.

Welche Erfahrungen haben sie mit dem Anreizsystem der Suva gemacht?
Die Erfahrungen waren durchwegs positiv. Wir konnten den Mitarbeitenden die Chance bieten, ihre Arbeits- und Leistungsfähigkeit an einem Schonarbeitsplatz Schritt für Schritt wiederaufzubauen. Dies ermöglichte ihnen, die ersten, sehr wertvollen Schritte auf dem Weg zurück in den Arbeitsprozess zu meistern.

können solche Mitarbeitenden abgesehen von ihrer Arbeitsleistung für ein Team auch sonst bereichernd sein?
Mitarbeitende mit gesundheitlichen Einschränkungen haben einen anderen Blick auf Arbeitsabläufe und Prozesse. Es zeigt sich immer wieder, dass Anpassungen am Arbeitsplatz nicht nur diesen Mitarbeitenden, sondern allen einen Mehrwert bieten.

Welches sind aus ihrer Sicht die wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Wiedereingliederung?
Eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter auf dem Weg der beruflichen Wiedereingliederung zu unterstützen, braucht Geduld. Es scheint mir essenziell, besonders in dieser Phase den Blick für die Ressourcen eines Mitarbeitenden zu schärfen und sich nicht an den Defiziten zu orientieren. Basis sind zudem Anstellungsbedingungen sowie eine Firmenkultur, die eine Wiedereingliederung über mehrere Monate überhaupt ermöglichen. Hier können wir glücklicherweise auch auf das Commitment der Geschäftsleitung zählen.

Was ziehen sie für ein Fazit?
Die berufliche Wiedereingliederung ist ein wesentlicher Bestandteil des betrieblichen Gesundheitsmanagements von BERNMOBIL. Wir sind hier aber noch nicht am Ziel, denn es gilt, die Anzahl Schonarbeitsplätze weiter auszubauen, um möglichst allen Mitarbeitenden mit gesundheitlichen Einschränkungen den Wiedereinstieg bei BERNMOBIL zu ermöglichen.

www.suva.Ch/wIEdEREINgLIEdERuNg