Mit Bier oder Kaffee Herrenmode nach Mass

von Jeoffrey Cellier

Alle Welt redet von der Digitalisierung. das «Lädelisterben» ist besonders in der Kleiderbranche spürbar. Grosse und alteingesessene Läden müssen in unseren Städten ihre Türen schliessen. Gibt es noch eine Zukunft für Boutiquen? ja, aber nur, wenn sie ehrlich und innovativ sind. Dies beweist Eniline, ein berner Conceptstore mit Masskleidern für den Gentleman und einer integrierten Café-bar, wo auch Konzerte stattfinden. Wir schauten hinein.

Kleidung nach Mass ist wieder im Trend. Seit acht Jahren schneidert das Berner Familienunternehmen eniline individualisierte Kleider hoher Qualität zu fairen Preisen. Erst vor zwei Jahren sind sie vom Gurtenareal Wabern ins Stadtzentrum umgezogen. Das Lokal befindet sich direkt neben dem Münster, passenderweise an der Rue des gentils-hommes, und ist mit viel Charme eingerichtet. Angesichts der Eleganz mit in Massivholz gehaltenen Eingängen und Vitrinen, ergänzt durch ein edles, hochkarätiges Interieur, könnte man sich füglich an der Rue Rivoli in Paris oder der Via Monte Napoleone in Mailand wähnen.

Wo Männer sich Wohlfühlen
«Wir stecken sehr viel Herzblut in unser Geschäft, denn perfekt sitzende Anzüge machen einfach riesig Freude. Aber es ist kein Geheimnis, viele
Männer gehen nicht gerne Kleider einkaufen», sagt Benjamin Schlapbach grinsend, der jüngere von zwei Brüdern, die mit ihrer Mutter die Firma gegründet haben. «Aber wenn Mann dazu ein Bier trinken kann, dann macht es den meisten Spass.» Wer hineinkommt, findet sich zuerst in einer sehr stilvollen Café-Bar wieder. Der Bartresen ist eingekleidet mit einem historischen Kupferblech, welches ab 1907 für hundert Jahre das Dach des Bundeshauses schmückte. Die holzgerahmten Bilder von perfekt gekleideten Prominenten aus Sport & Kultur mit dem Vermerk «dressed by eniline» lassen sofort klar werden, hier darf man sich wohlfühlen und verweilen.

Individualität
Während die grossen Mainstreamketten wegen lächerlicher Kleidergrössen, schlechter Qualität und fragwürdiger Produktionsbedingungen Shitstorms erhalten, begeistern sich unzählige Kunden wieder für Individualität und Nachhaltigkeit. «Jeder Kunde wird bevorzugt behandelt und kriegt genau, was er will – und es passt», sagt Jeremias Schlapbach, der ältere Bruder. Die Nachfrage nach individuellen Nicht-Wegwerf-Kleidern habe stark zugenommen. Ob Studierender, angehender Bräutigam, Banker, Nationalrat, Grossfirma wie Migros, SBB oder TCS, Sportverein oder erfolgreicher Musiker wie Dodo oder Müslüm – eniline bietet allen persönliches Curated Shopping.

Think Global, Act local
Das Erfolgsgeheimnis ist so schlicht wie bekannt: Think global, act local. eniline produziert mit handverlesenen Partnern in Europa. Etwa SCABAL ist eine weltweit führende Stoffproduzentin mit Hauptsitz an der berühmten Savil Row in London. Für die perfekte Passform sind aber die mittlerweile zwölf Mitarbeitenden von eniline verantwortlich. «In den letzten Jahren setzen wir zudem vermehrt auf Partner aus Skandinavien. In Stockholm, Oslo und Kopenhagen wird Mode entworfen mit einem enormen Gespür für Trends und einzigartiger Qualität nach Mass», erzählt Benjamin Schlapbach begeistert. Für das kleinere Budget ist der jüngste Bruder, Jonathan, verantwortlich. Er lebt seit zwölf Jahren in Bangkok, wo eniline ebenfalls produziert – selbstverständlich zu fairen lokalen Bedingungen.

Den Namen des eigenen Modelabels Gianni Gualtiero prägten übrigens die beiden Grossväter: Gianni, zu Deutsch Hans, der Banker im Massanzug – Gualtiero, deutsch Walter, der Schuhmacher.

Rudolf J. Merkle, Dozent für Kommunikation an der Hochschule für Wirtschaft in Fribourg, kennt die Firma seit ihrer Gründung und ist selbst Kunde: «Noch nie habe ich so viel Herzblut und Fleiss in einem Start-up erlebt. Freilich ist dies unabdingbar, um im hart umkämpften Schweizer Kleidermarkt zu bestehen. Der Schlüssel zum Erfolg ist meines Erachtens, den Kunden als Persönlichkeit zu wahrzunehmen. Wer Kleider kauft, will und muss sich in seiner Individualität ernst genommen wissen. Die Leute haben genug vom Dauerdiktat der Modemultis und vom Wegwerfismus. Sie besinnen sich auf ihren eigenen Geschmack, auf ‚ihr Ding‘. […] Der grosse Zuspruch beweist: eniline hat den Nerv der Zeit getroffen.»

Conceptstore
Kunden lassen in gepflegt entspanntem Ambiente in der Berner Altstadt Mass nehmen. Einmal vermessen können sie sich unter kundiger Beratung nach ihren Vorstellungen einkleiden. Kunden sind vorwiegend private Einzelkunden. Aber eniline bietet auch corporate fashion. «Ich denke, unser Vorteil ist, dass wir auf den Einzelkunden spezialisiert sind, aber somit auch bei Firmenkunden auf die individuellen Wünsche eingehen können und auch kein Problem bei Nachbestellungen haben», sagt Jeremias Schlapbach. Nachbestellungen übrigens erfolgen persönlich, per Telefon und bald online.

Das Angebot ist jedoch mehr als «nur» die individuelle Einkleidung von Hut bis Schuh. Der Gentleman kann sich hier einem professionellen Barberservice unterziehen oder seine Schuhe fachkundig auf Hochglanz polieren lassen. Und eniline organisiert immer wieder ausgeklügelte Events. So zum Beispiel eine Ausstellung mit Bildern von Salvador Dalí, aufgrund welcher limitierte Anzugsstoffe designt wurden. Oder ein Töggeliturnier für die jüngere Kundschaft, dies inmitten von Mannequins, die in erstklassige Massanzüge gekleidet waren. eniline vermag das eigene Versprechen – viele machen Kleider, wir machen Leute – zweifelsohne zu erfüllen. Und wer eniline einmal ohne Termin kennenlernen möchte, dem seien die hauseigenen, monatlichen Konzerte unter dem Namen «enilounge» empfohlen.

www.eniline.Ch

 

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