Intelligente Stadt Bern | Der lange Weg zur Smart City

von Joël Ch. Wüthrich

Die Digitalisierung unserer Arbeitswelten und die Smartifizierung der Lebensräume nimmt Fahrt auf. E-Government gehört ebenfalls dazu. Auch in Bern will man etwas mehr Dynamik reinbringen.

Die Stadt Bern engagiert sich in vielen Bereichen stark für die Nachhaltigkeit: Sie setzt sich beispielsweise mit der Energie- und Klimastrategie 2025 sehr für ökologische Nachhaltigkeit ein, hat als «Fair Trade Town» dieses Jahr ihr Bekenntnis zu sozialer Nachhaltigkeit erbracht und hat mit mehrfachen Aktivitäten im Bereich Open Source Software auch einen engen Bezug zu digitaler Nachhaltigkeit. Es sollen, so fordern diverse Fachleute und auch Parteien, in den Produktionsketten faire Arbeitsbedingungen herrschen, ökologische Standards eingehalten und Geräte mit erneuerbarer Energie betrieben werden. Das ist ein Bestandteil einer «Smartifizierung» einer Stadt.

Auch im Bereich der Digitalisierung soll es vorwärtsgehen, damit in Bern bald von einer Smart City die Rede ist. Die Digitalstrategie 2012 der Stadt Bern will den Rahmen für übergeordnete Ziele für Digitalisierungsmassnahmen in der Stadt über die kommenden Jahre schaffen. Dafür wurde die bestehende ICT-Strategie weiterentwickelt und in Schlüsselfragen aktualisiert. Ebenso gehören dazu neue strategische Stossrichtungen wie die Digitalisierung des Leistungsangebots der Stadt gegenüber Bevölkerung und Partnerinnen und Partnern oder die Bereitstellung von Daten als «open data». Die bisherigen Konzepte zu E-Government und der weitere Ausbau des digitalen Leistungsangebots sind ausserdem Bestandteil der Digitalstrategie.

Der Plan beinhaltet auch, digitales Wissen allen Menschen zugänglich zu machen und die Etablierung von e-Government. Darunter versteht man den Einsatz von digitalen Informations- und Kommunikationstechnologien, damit die Bevölkerung und die Wirtschaft wichtige Geschäfte mit den Behörden elektronisch und einfach abwickeln können. E-Government ist dadurch ein wichtiger Beitrag zur Modernisierung der Verwaltung und zur Effizienzsteigerung ihrer Geschäftsprozesse. Geschäfte können rund um die Uhr und ohne Behördengang abgewickelt werden.

Neue Smart-City-Jobs entstehen
In der Tat tut sich also einiges in Bern. Und man denkt nun auch laut darüber nach, eine spezielle Stelle, Smart City-Fachstelle, zu bilden mit einer beziehungsweise einem SmartCity-Manager/in. In diesem Zusammenhang hat Matthias Stürmer (EVP), der als Leiter der Forschungsstelle Digitale Nachhaltigkeit an der Uni Bern der «Mister Digitalisierung» im Stadtparlament ist, viele Ideen lanciert. Zu diesen gehört eine «Open-Source-Förderstrategie» für die Stadt. Seit seinem Eintritt in den Stadtrat 2017 hat sich auch Matthias Egli (GLP) des Themas vermehrt angenommen. Folgende Punkte zeigen, dass Bern bereits auf gutem Wege ist, eine Smart City zu werden: E-Tickets für den ÖV, eine Abfall-App, das Onlineportal Ki-Tax für familienergänzende Betreuung oder das städtische Veloverleihsystem. Mit Partnern wie EWB und Bernmobil sollen weitere Schritte umgesetzt werden. Und dafür ist die Smart-City-Stelle bei der Stadtkanzlei vorgesehen.

Diese ganzen Auswirkungen haben so oder so grossen Einfluss auf das Personalmanagement. Für die Umsetzung braucht es geeignete Leute, und diese müssen auch gefunden und rekrutiert werden. Das stellt eine der grossen Herausforderungen für HR und Personalentwicklung dar. Um die neuen Kompetenzen für die digitale Arbeitswelt – sowohl im HR wie auch in den Führungsetagen – zu schulen und auf die Herausforderungen vorzubereiten, werden gezielt spezielle Seminare im Bereich Leadership/Führung und Digital HR angeboten (Tipp: www.praxisseminare.ch). Diese Angebote haben bei der Personal Swiss eine sehr hohe Aufmerksamkeit generiert, weil hier noch ein grosser Info- und Nachholbedarf besteht. So wird in naher Zukunft auch im Jobmarkt die Smartifizierung Einzug erhalten. «Jede Stadt wird früher oder später einen Chief Digital Officer haben beziehungsweise haben müssen», bestätigt Mike Vogt. Er ist der Initiant und Managing-Direktor der jährlichen Fachmesse SmartSuisse in Basel und ein profunder Kenner und Fachmann im Bereich Smart City und digitale Transformation. Die Daten sind nämlich das Gold der Zukunft, auch in einer Stadt. Bei der Smartifizierung geht es am Schluss einzig und allein um Daten und wie diese in eine höhere Lebensqualität umgemünzt werden können. «Je früher die Städte sich mit dieser komplexen Thematik befassen und Know-how aufbauen, desto besser. Wer sich diesem Trend verschliesst, wird einen hohen Preis dafür zahlen müssen», fügt Vogt hinzu.

Ohne Smartifizierung zum Problemfall
Die SmartSuisse war auch 2018 wie schon 2017 komplett ausgebucht mit dem Besuch von über 400 Entscheidern aus über 90 Städten. Dies zeige, so Mike Vogt, dass ein echtes Bedürfnis im Markt angesprochen wird. In praktisch jedem Referat wurde auf die Wichtigkeit hingewiesen, die Silos aufzubrechen und strategische Projekte branchen- und ämterübergreifend anzugehen. Mike Vogt: «Die Städte St. Gallen und Winterthur sind bezüglich der sogenannten Smartifizierung führend. So hat St. Gallen an der SmartSuisse sein Smartnet vorgestellt, ein LoRa Funknetzwerk, das bereits stadtübergreifend im Einsatz ist und nur darauf wartet, mit Dienstleistungen und Applikationen von Drittfirmen genutzt zu werden. Auch die Stadt Genf ist in einer guten Ausgangslage, denn die Smart-City-Projekte werden vom OPI , dem Office de Promotion des Industries et des Technologies, stark gefördert und ein Smart-City-Manager koordiniert alle Aktivitäten. Zürich, Basel und Bern sind gut dabei, haben aber noch etwas Nachholbedarf.»

Es müssten jedoch in den Städten beziehungsweise in urbanen Regionen alle am gleichen Strick ziehen. In vielen Städten wird eine Stadtentwicklung, eine Standortförderung und eine Tourismus-Organisation betrieben. Es mache aber, so Vogt, keinen Sinn und ist für die Vermarktung einer Stadt alles andere als effizient. Eine einheitliche Organisation könne das Image und die Bekanntheit einer Stadt viel besser fördern.

Eine wesentliche Konklusion an der SmartSuisse 2017 und auch 2018 war folglich unter anderem, dass es einen «Digital Layer» als Drehscheibe braucht, um die enorm vielen Daten einer Smart City professionell bewirtschaften zu können. Mike Vogt: «Smartes Strassenlicht und Smart Parking sind ideale Start-Projekte. Ein Beispiel: Wir haben heute in der Schweiz zehn Prozent LED-Anteil am Strassenlicht. Es ist eine grosse Chance für die Stadtwerke, bei der weiteren Förderung und Durchsetzung von LED zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen; nämlich neben der Umrüstung auf LED eine gleichzeitige ‚Versmartung‘ des Strassenlichts vorzunehmen und ebenso einen Digital Layer einzuführen. Dieser Digital Layer kann danach für viele weitere Applikationen genutzt werden wie für die Messung und Übermittlung von Lärmschutzdaten.» Auch Smart Parking bietet den Städten die Möglichkeit, die öffentlichen Parkflächen viel effizienter zu bewirtschaften. Es gibt ja schon konkrete Lösungen, wie dies in die Realität umgesetzt werden kann.

Verhältnis Stadtverwaltung/Bürger ändern
Das Verhältnis Stadtverwaltung/Bürger war bisher eher eine Einbahnstrasse. Ausser sich an Abstimmungen zu beteiligen, mussten sich die Bürger nicht um viel kümmern. Aber in dieser Einbahnstrasse gehe viel ungenutztes Potenzial verloren, betont Vogt. «Nehmen wir eine Stadt mit 10’000 Einwohnern als Beispiel. Das scheint auf den ersten Blick nicht viel zu sein. Aber wenn wir die Sichtweise ändern und uns diese Stadt als Firma mit 10’000 Mitarbeitern vorstellen, dann ergibt sich ein gigantisches Potenzial an Wissen und Erfahrungen!» Darum sind die Einbindung und das Engagement der Bürger in Zukunft so wichtig. Mike Vogt empfiehlt, sich mit seiner Stadt intensiv auseinanderzusetzen und seine Wünsche und Nöte der Stadtverwaltung mitzuteilen. Bei den regionalen Energieversorgern könne man Energieberatungsgespräche beantragen und beispielsweise einen Vergleich verlangen, wie die Wohnung oder das Haus energetisch abschneidet und welche Massnahmen man ergreifen kann, um Energie und Geld zu sparen. Die Smart City beginnt zu Hause und entwickelt sich über die Quartiere im gesamten Stadtgebiet.

Die Kritik an der Smart City
Nicht alles ist von Vorteil, wenn so viele Daten zur Optimierung des Energiehaushaltes einer Stadt gesammelt werden. Auch das Thema der Datenhoheit ist ein schwieriges. So werden zum Beispiel in der Vorzeige-Smart-City im südkoreanischen Songdo von jeder einzelnen Person alle verfügbaren Daten zur Energiehaushalt-Optimierung gesammelt, was natürlich auch den Einblick in die Privatsphäre und ein sogenanntes «Tracking» beinhaltet. In dieser Smart City wird man auf Schritt und Tritt analysiert und die Gewohnheiten werden ausgewertet. In der Stadt, die «mitdenkt», gibt es zwar viele Grünflächen, aber der autozentrierte Städtebau und die extreme Smartifizierung würden dazu führen, dass dennoch fast kein Leben auf den Strassen stattfinden würde.

www.smartsuisse.com

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