Ein «Labor zwischen Banlieue und Urbanität»

Von Joël Ch. Wüthrich

Bern West sei ein Labor zwischen Banlieue und Urbanität, das mehr politischen Einfluss brauche, sagen die Insider und Kenner der Region um Bümpliz, Bern Bethlehem und Bottigen-Riedbach. Und in den letzten Jahren hat sich in Bern West eine enorme Dynamik entwickelt im Bereich Wohnungsbau, Wertschöpfung und Gewerbe.  

Bümpliz-Bethlehem ist mit 35’000 Einwohnern und 16’000 Arbeitsplätzen eine mittelgrosse Schweizer Stadt. In den letzten zwei Jahrzehnten hat die Region um Bümpliz-Bethlehem eine markante Mutation erlebt: Mit dem Tram entstand eine erste Aufwertung des Stadtteils. Viele Jahre später kamen dann das Westside, die Fachhochschule der Künste oder die autofreie Siedlung Burgunder.

Verdichtung im Westen Berns
Dabei spielen Bümpliz und Bethlehem in Zukunft bei der Stadtentwicklung eine mitentscheidende Rolle, wenn man beobachten kann, wie die sogenannte «Verdichtung» voranschreitet. Ein Beispiel ist Stöckacker Süd: Die bestehende Siedlung wurde abgerissen und neu gestaltet. Ähnliches soll nun mit der Meienegg-Siedlung passieren. Die Planung Weyermannshaus West nimmt Gestalt an. Janine Blunier Bigler, Präsidentin vom KMU-Gewerbeverband Bern West, gibt jedoch zu bedenken, dass Industrie und Gewerbeflächen im Moment vom Wohnungsbau verdrängt würden – sogar entlang der Autobahn: «Handwerkerbetriebe werden verbannt und finden meist keine geeigneten Räumlichkeiten. So sehe ich hier eher erweitertes Potenzial für Büros von Verwaltungen, Versicherungen, für IT-Betriebe oder verkaufsorientierte Firmen. Für Produktionsstätten fehlt zumindest grossflächiges Land. Ich denke, Bern West stösst an seine Grenzen.»

Potenzial für Verwaltungen, Versicherungen, IT-Betriebe oder verkaufsorientierte Firmen
Der Gewerbeverein KMU Bern West ist eine Interessengemeinschaft von Handwerkern, Gewerbetreibenden und Dienstleistenden im Westen von Bern. Gegründet im Jahre 1909 besteht der Verein seit über 100 Jahren. Der KMU Bern West wahrt und fördert die Interessen seiner Mitglieder gegenüber den Behörden, der Öffentlichkeit und anderen Organisationen. Der Verein orientiert seine Mitglieder über wirtschaftliche und politische Belange der Region. «Die Vereinsangehörigkeit motiviert, nicht nur den Kontakt zu anderen Mitgliedern zu suchen, sondern in einem Netzwerk von wirtschaftlich denkenden Mitmenschen zu lernen und gegenseitiges Interessen zu erfüllen», heisst es in den Statuten. Mitglied sind vor allem Handwerker, Gewerbetreibende und Dienstleistende, aber auch Industrielle, Gönner und Freunde gewerblicher Bestreben (natürliche und juristische Personen). 

Der Westen von Bern umfasse zwar in erster Linie die Gebiete Bümpliz, Bethlehem, Oberbottigen und Riedbach. Willkommen seien jederzeit auch in angrenzenden oder anderen Gebieten domizilierte Personen und Firmen, welche aus wirtschaftlichen Interessen oder blosser Sympathie zum Verein, zu einzelnen Mitgliedern oder zum Berner Westen, zur Stärkung unserer Sache beitragen wollen. Präsidentin Janine Blunier Bigler (Honda Center W. Blunier AG) betont hierbei, dass besonders auch in Bern West derzeit flexibles Denken und pro- wie auch reaktive Anpassung an die Begebenheiten eine der grossen Herausforderungen für die KMU der Region seien: «Unsere Welt und wir sind und waren immer im Umbruch. Nur wer flexibel denken kann, kann auf Veränderungen richtig reagieren und sich anpassen. Die Region ist gut erschlossen, und wenn wir Arbeitsplätze bieten mit flexiblen Arbeitszeiten, sind Wohnen, Freizeit­angebote, Erholungsraum und Arbeiten alles in Ihrer Nähe möglich.»

Weg vom «Trabantenstadt-Image»
Der Förderverein Westkreis 6 war einer der treibenden Kräfte, um die Attraktivität des Berner Westens voranzutreiben. Man konnte das Image der einst als Satelliten- oder Trabantenstädte bezeichneten Bümpliz und Bethlehem durch kulturelle Anlässe und Aufklärung entscheidend verbessern. Gerade Bethlehem mit seinen Hochhäusern haftete ein schlechter Ruf an. Das Quartier wurde etwa als Ausländerghetto oder als DDR-­Plattenbausiedlung abqualifiziert (Zitat aus den Medien). In den letzten Jahrzehnten ist in Bümpliz und Bethlehem jedoch viel investiert worden. Besonders entscheidend waren die Errichtung des Westside in Bern­Brünnen, das Tram Bern West, die Wohnüberbauung Brünnen oder die Neugestaltung des Europaplatzes. Im Zentrum von Bümpliz wurde zudem die historische Bausubstanz renoviert. 

Das alles rief in den letzten Jahren natürlich auch die KMU jeder Couleur auf den Plan, die sich für einen Standort in Bern West interessierten und die äusserst vielseitige und heterogene Anspruchsgruppen bedienen wollen. Dieser Trend wird sich, so sagen Beobachterinnen und Beobachter in der Region, fortsetzen.

Westside als «Treiber»
Sicherlich ein sehr wichtiger Treiber war das Westside. Eine nicht ganz so neue Idee, denn rund 42 Jahre hat es gedauert von den ersten Gedanken zur Stadterweiterung in Bern-Brünnen bis zur Eröffnung des Shopping- und Erlebniscenters Westside. Ein erstes Projekt aus dem Jahre 1972 wurde ein Opfer der «Ölkrise», ein zweites mit 6 000 Wohnungen und rund 4 000 Arbeitsplätzen lehnte das Volk 1978 an der Urne ab. Nach einer Reihe weiterer Projekte sagten die Bernerinnen und Berner im Jahr 2000 «JA» zum ausgereiften Grossprojekt in Bern-Brünnen. Zur Realisierung eines Freizeit- und Einkaufszentrums gründete die Genossenschaft Migros Aare kurz darauf die Neue Brünnen AG. Noch im selben Jahr beauftragte diese im Rahmen eines eingeladenen internationalen Architekturwettbewerbs den Stararchitekten Daniel Libeskind mit der Realisierung des heutigen Projekts. Seine eigenständige, visionäre Architektur und die perfekte Einbettung in die Umgebung fanden bei Fachleuten und in der Öffentlichkeit grossen Anklang. 

Im August 2003 erteilte der Regierungsstatthalter die Baubewilligung für das Freizeit- und Einkaufszentrum Westside, rund acht Monate später folgte dann die kantonale Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion, und im Dezember wurde sie auch vom kantonalen Verwaltungsgericht bestätigt. Mit dem Spatenstich im Herbst 2005 konkretisierte sich die grösste private Baustelle der Schweiz. Nachdem im Frühling 2006 die Bauarbeiten zur Autobahnüberdeckung abgeschlossen wurden, legte die Neue Brünnen AG zusammen mit Daniel Libeskind bereits am 28. April 2006 den Grundstein für das Freizeit- und Einkaufszentrum Westside. Im September 2007 wurden der Rohbau und im Februar 2008 praktisch alle Verträge mit den Mietern abgeschlossen. Im April 2008 starteten die Arbeiten am Innenausbau. Am 8. Oktober 2008 wurde das Shopping- und Erlebniscenters Westside der Öffentlichkeit übergeben.

www.westside.ch
www.kmubernwest.ch

Warning: A non-numeric value encountered in D:\www\www366\GF\BE\wp-content\themes\Newspaper\includes\wp_booster\td_block.php on line 353