Der Kapitän

von Joël Ch. Wüthrich

Alexander Maurer bekleidet einen Posten, der es in vielerlei Hinsicht «in sich hat». Besonders dann, wenn es sich nicht nur um strategische oder prozessorientierte Herausforderungen handelt, sondern Menschen involviert sind. Alexander Maurer: «Bei schwierigen Entscheidungen muss man sich immer vor Augen führen, dass es hierbei um Menschen geht!»

Alexander Maurer weiss, wie es ist, wenn man auf einmal im Zentrum öffentlichen Interesses steht. Als der 47-Jährige im November 2016 die Leitung des Migrationsdienstes des Kantons Bern übernahm, wurde ihm dies schnell bewusst: «Ich kam zwar aus einer verwandten Branche, aber arbeitete in der Privatwirtschaft im Bereich spezialisierter Personaldienstleistungen. Die Erfahrungen, die ich in 16 Jahren zuvor in meinem Arbeitsumfeld in leitender Funktion gemacht habe, kann ich heute gut nutzen. Es ging in erster Linie um optimale Lösungen bezüglich Personaldienstleistungen für die öffentliche Hand und private Unternehmen. Was aber jetzt neu dazukam, war das öffentliche Interesse an meiner Arbeit, meinen Entscheidungen und schliesslich auch an meiner Person. Da hat auf einmal jede Entscheidung und jedes Wort Gewicht.»

Alles andere als langweilig und trocken …
Auf den ersten Blick könnte manch eine/r denken, dass die Aufgabenbereiche des Leiters Migrationsdienst Kanton Bern (MIDI) klar strukturiert sind – ein «Bürohengst»-Job par excellence in Sichtweite des Bundeshauses, wo Entscheide aufgrund von klaren Fakten gefällt werden. So ist es jedoch nicht, wie Alexander Maurer bestätigt: «Viele Sitzungen und Besprechungen stehen jeweils an, sowie eine Unmenge an Mails muss beantwortet werden. Mein Arbeitstag ist aber mehrheitlich fremdbestimmt, denn es entstehen täglich immer wieder neue Herausforderungen, die jede einzeln bearbeitet werden muss. Vor Überraschungen im Arbeitsalltag ist man also nicht gefeit, denn es geht ja in erster Linie um Menschen.»

Die Vielfalt der Aufgaben
Die wesentlichen Aufgaben Maurers bestehen aus operativen Tätigkeiten. Strategische Belange sind betroffen, wenn er zum Beispiel Regierung und Parlament auf Kantonsstufe in speziellen Fragen zur Verfügung steht, sich an strategischen Geschäften beteiligen oder auch die Inhalte von Pressemitteilungen definieren muss. Projektbezogen vertritt er den Migrationsdienst in verschiedenen Kommissionen und Organisationen, beteiligt sich an Projekten des Bundes und des Kantons. Im Tagesgeschäft sind viele operative und organisatorische Tätigkeiten fällig. Beispielsweise müssen Einzelfallentscheide getroffen werden, und in verschiedenen Fachbereichen muss Maurer «am Puls bleiben», wie er betont. Die Führung eines Dienstes mit rund 90 Personen ist anspruchsvoll, und Maurer nimmt zudem noch Einsitz in diverse externe Meetings. Die mitunter grösste Herausforderung ist aber jene, bei welcher man nicht immer alles unter Kontrolle haben kann: die repräsentative Tätigkeit. Als Vertretung des Migrationsdienstes gegen aussen bei Behörden, Organisationen, Gemeinden und bei Teilnahmen an Veranstaltungen – sei es als geladener Gast oder einfach als Besucher – ist Maurer gefordert: «Ich komme dann und wann in eine Situation, wo meine Meinung gefragt wird, obwohl ich eigentlich als Gast bei einer Veranstaltung bin. So habe ich mir gewissermassen antrainiert, auch bei privaten Tätigkeiten darauf zu achten, dass dies allenfalls kommentiert oder bewertet werden könnte. Entscheidungen, wo ich hingehe, werden somit immer selektiver.» Ausserdem: Oftmals ist der Migrationsdienst nicht verantwortlich für Entscheidungen, muss diese aber gegen aussen vertreten. Auch da sind Maurer und sein Team gefordert: «Wenn beispielsweise ein Asylzentrum installiert wird und die Bevölkerung der betroffenen Ortschaft diesem Projekt ambivalent gegenübertritt, sind es meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die diesen Entscheid an vorderster Front vertreten und erklären.»

Während Maurer und die 90 Mitarbeitenden im Ausländerbereich – zum Beispiel bei Fragen bezüglich Aufenthalts- oder Niederlassungsstatus – diverse Freiheiten in der Vorgehensweise bei einzelnen Fällen geniessen und auch die massgebende Behörde für Entscheidungen sind, sind sie im Asylbereich stärker eingeschränkt und vor allem eine ausführende Instanz. Da sind Maurer & Co. umsetzungstechnisch gefordert. Im Asylverfahren, bei der Unterkunft, Zugang zur Bildung, Integration und medizinischen Rahmenbedingungen für Asylsuchende, bei der Not- und Sozialhilfe und weiteren Aufgaben sind die Vorgaben an den MIDI klar.

Berner Besonderheiten
Die Arbeit als Leiter MIDI im Kanton Bern sei im Vergleich zu vielen anderen Kantonen etwas anders strukturiert. Weil der Kanton flächenmässig grösser ist als die meisten anderen, arbeitet man mit zehn Regierungsstatthalterämtern zusammen. So ergibt sich die Situation, dass man oft etwas nur indirekt bewirken kann. Hinzu kommt, dass die einzelnen Regionen so ihre Eigenheiten mitbringen, die stets berücksichtigt werden wollen.

Geschäftsführer-Tätigkeiten übt Alexander Maurer vor allem bei seinen organisatorischen und operativen Pflichten aus. Für Kreativität bleibe wenig Raum. In einigen Fällen muss man jedoch ideenreich sein: «In Budgetfragen müssen wir sehr kreativ sein. So gilt es, trotz beschränkten finanziellen Mitteln die gesetzlichen Vorgaben respektive die daraus resultierenden Aufgaben zu erfüllen. Das heisst: Egal, wie viel Budget zur Verfügung steht – der Auftrag des Kantons muss ausgeführt werden. Sollte das Budget nicht reichen – weil beispielsweise die Anzahl Personen, für welche das Geld hätte reichen sollen, gestiegen ist – muss man mit einer Anfrage auf Nachtragskredit ans Parlament. Da heisst es, gut zu argumentieren und zu erklären, warum man dieses zusätzliche Geld benötigt.»

Wichtige Erfahrungswerte aus der Privatwirtschaft
Wertvolle Erfahrungen hat Alexander Maurer in seinem früheren beruflichen Leben –unter anderem als Vizedirektor einer grossen Personaldienstleistungsfirma – gemacht. Das alte Leben vermisst der leidenschaftliche Eishockeyfan (SC Bern) nur manchmal: «Ich musste auch früher für meine strategischen Entscheidungen geradestehen. Aber heute ist man viel stärker mit einer Stakeholder-Vielfalt konfrontiert. Der Pluralismus verzögert viele Prozesse. Also braucht man einen Konsens, bevor etwas umgesetzt werden kann. Das geht manchmal nicht so schnell und dynamisch wie in einem Unternehmen. Die Nachhaltigkeit der Entscheide jedoch ist oftmals genau deshalb höher.» Seine Funktion interpretiert Maurer differenziert: Das Führen eines grossen Teams als klassischer Geschäftsführer ist ein Bereich. Aber es gibt Situationen, da sei die Funktion als Sparringspartner (in gewissen Projekten), als Mentor oder als Coach zielführender und effizienter. «Ich sehe mich als Kapitän auf einem Schiff, der genau dann zur Stelle ist, wenn es kritisch wird oder Entscheidungen getroffen werden müssen. Punktuell muss man dennoch ab und zu auch durchgreifen und Impulse setzen.» Eine der grössten Herausforderungen: Das gut tarierte und doch spezielle Zusammenspiel zwischen Verwaltung und Politik zu verstehen und damit zu arbeiten, sei eine besondere Aufgabe als Leiter MIDI. «Da wachse ich noch Tag für Tag immer mehr hinein.» Alexander Maurer hat Führungspositionen sowohl in der Verwaltung wie auch in der Privatwirtschaft eingenommen. Sein Tipp: «Es gibt viele Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten in der Führung oder Leitung von Unternehmen beziehungsweise Verwaltungen oder Behörden. Wenn man sich gegenseitig Einblick in beide Welten gewährt, ist das unheimlich inspirierend und wertvoll. Dann wäre das gegenseitige Verständnis mit Sicherheit höher, als es manchmal den Anschein macht.»

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