Charisma kann man nicht kaufen

von Joël Ch. Wüthrich

Mit Alexander Tschäppät und Andy Rihs sind innerhalb zweier Wochen im April 2018 zwei Persönlichkeiten gestorben, welche die Grossregion Bern nachhaltig geprägt haben. Eine Würdigung zweier Menschen, die mit Charisma und Individualität punkten konnten.

Charisma kann man nicht kaufen und sich auch nicht einfach aneignen. Entweder man hat es, oder nicht. Natürlich polarisieren charismatische Menschen dann und wann. So war es auch bei Alexander Tschäppät und Andy Rihs.

Schlagfertiger «Jovialdemokrat»?
Der ehemalige Berner Stadtpräsident und Nationalrat Alexander Tschäppät ist tot. Der 66-jährige Sozialdemokrat – wohl einer der beliebtesten Stadtpräsidenten aller Zeiten in Bern – erlag einem Krebsleiden. Mit ihm verliert die Bundesstadt einen volksnahen, charismatischen Politiker. Besonders bemerkenswert bei Tschäppät war, dass selbst seine politischen Gegnerinnen und Gegner und viele, die in einigen Fragen nicht auf seiner Wellenlänge waren, ihn irgendwie doch mochten. Natürlich regten sich auch viele über ihn auf. Alexander Tschäppät war «ein Typ». Einer der polarisieren konnte, wollte und dies manchmal auch vielleicht nur unbewusst tat. Eine in Amtsstuben vor sich hinarbeitende graue Politmaus war er auf jeden Fall nicht. Und das war gut so.

Ursula Marti, Präsidentin SP Kanton Bern: «Alexander Tschäppät politisierte mit grossem Geschick, Herzblut und Liebe zu den Menschen und <seiner> Stadt Bern. Er kannte die Sorgen und Anliegen der Menschen und trat für sie ein. Er wusste auch um die Wichtigkeit einer starken Wirtschaft und engagierte sich persönlich für die Ansiedlung und Förderung von Unternehmen. Unvergesslich bleiben seine fulminanten Reden, mit denen er das Publikum begeisterte und oft neue Wege aufzeigte, um die Zukunft von Bern aktiv zu gestalten.» Im bürgerlichen Lager galt er zuweilen als «Laisser-faire-Politiker». Wenn «dr Tschäppu» zuweilen mit einem Unterton als «geselliger Stadtvater» oder «Jovialdemokrat» bezeichnet wurde, hatte dies den Sozialdemokraten nicht sonderlich gestört. Nein, er hat es sogar als Kompliment aufgefasst. Denn seine Fans mochten ihn für seine Schlagfertigkeit, seinen Humor, aber auch für sein politisches Gespür. Alexander Tschäppät konnte nämlich nicht nur mit seiner gewinnenden Art punkten, sondern auch mit hartem politischen Einsatz. Jeder, der über die Kluft zwischen Volk und Elite spreche, solle «einen Tag mit Alex verbringen», sagte man in Bern. Und: Tschäppät brauche keine Umfragen, um Stimmungen und Strömungen zu spüren, er «nehme einfach den Bus». Bern konnte – auch dank Tschäppät – mit Lebensqualität punkten und die Einwohnerzahl stieg. Aus hochroten Budgets wurden sogar schwarze Zahlen. Dennoch: Es gab auch Niederlagen in seinem politischen Wirken. Bei einigen «ewigen Aufregerthemen» konnte Tschäppät nichts bewirken: die Steuern, fehlender neuer Wohnraum und bei den Debatten rund um das autonome Berner Kulturzentrum Reitschule. Tatsache ist jedoch: «<Dr Tschäppu> war populär, aber nie ein Populist», wie Bundesrätin Simonetta Somaruga treffend feststellt.

Der «Patron»
Auch Andy Rihs hinterlässt in Bern ein gewisses Vakuum. «Wo er war, kam der Erfolg», sagte man über ihn. Er war zusammen mit seinem Bruder Besitzer der Young Boys Bern (YB) und wurde in der gesamten Schweiz und im Speziellen in der Region Bern respektiert, auch wenn er kein waschechter Berner war. Aber als Sportförderer war er wohl zusammen mit Adolf Ogi einer der meist Respektierten und Angesehensten. Sein Auftreten passte zur Aussenwahrnehmung: Der gutmütige Patron wirkte immerzu souverän, auch in den sportlich schwierigen Zeiten bei den Berner Young Boys und im Velosport. Selbst dann, wenn ihm mal kein so stilsicherer Auftritt gelang wie bei der memorablen Pressekonferenz zur «Lage der Nation» (2016) nach den Abgängen von Fredy Bickel und Urs Siegenthaler, als es dem Hauptstadt-Club sportlich nicht gut lief. Da wurde er wegen seines zu emotionalen Auftretens (in gelb-schwarzen Ringelsocken) etwas kritisiert. Legendär war seine Konsequenz, als er im Radrennsport sein «Phonak-Team» auflöste, nachdem ihm kurz zuvor Floyd Landis 2006 den Sieg bei der Tour de France schenkte, aber ebendieser des Dopings überführt wurde. Natürlich war er gezeichnet vor Enttäuschung, aber er zeigte keine Verbitterung. Seine Reaktion: 2017 hat er zusammen mit Stadtpräsident Alexander Tschäppät die Tour de France nach Bern geholt.

Andy Rihs wurde 75 Jahre alt. Blieb aber bis zuletzt «jung» und war ein «Vollblut-Investor». Ihn jedoch nur auf seine grossartige Sportförderung zu reduzieren, würde seinen Leistungen, seinem beruflichen Gesamtwerk, nicht gerecht. Er antwortete einst auf die Frage nach seiner Philosophie, dass er «viel lieber Wein produziere als Red Bull». Besonders seine Visionen im Bereich der Hörgeräte-Industrie haben ihn zu einer Unternehmer-Legende gemacht. Rihs hatte 1966 zusammen mit einem befreundeten Techniker die konkursite Hörgeräte-Firma seines Vaters übernommen. Etwas später stiess Bruder Hansueli dazu. Die drei verwandelten Phonak in den nächsten Jahrzehnten zu einer der grössten Hörgerätefirmen der Welt. Andy Rihs führte das Unternehmen lange Zeit als oberster Firmenchef und zugleich als Verwaltungsratspräsident. Seit 2007 befinden sich Phonak und andere Kernmarken unter dem Dach der börsendotierten Sonova Holding AG, die mehr als zwei Milliarden Franken Umsatz pro Jahr macht. Rihs hielt zuletzt 3,18 Prozent der Aktien von Sonova. Andy Rihs war ein «Patron der alten Schule». Seine Investitionen für Entwicklung und Promotion schrieb er ab und wälzte sie nicht auf die Produkte ab. Das machte aus ihm einen bevorzugten Businesspartner.