CEO Flughafen Bern-Belp Mathias Gantenbein: «Einen meiner Berufsträume erfüllt …»

von Joël Ch. Wüthrich

Regionale Flughäfen nehmen im «Etat d’ésprit» der Menschen, die sich einem Grossraum zugehörig fühlen, einen besonderen Platz ein. Jener in Bern-Belp ist diesbezüglich noch einmal spezieller. Und so sind die Aufgaben von Flughafen-CEO Mathias Gantenbein noch etwas vielfältiger als das, was das Tagesgeschäft auf den ersten Anblick vermuten lässt.

Ja, es war schon eine Art Traum, eines Tages in einer leitenden Position am Flughafen Bern wirken zu können, sagt Mathias Gantenbein. Der jugendlich-souverän wirkende heute 40-Jährige hatte stets einen Fokus auf den Airport in Bern-Belp. Und nun ist er tatsächlich seit Ende 2015 als CEO der Flughafen Bern AG tätig. «Der Flughafen Bern hat mich nicht nur während des Studiums, sondern bereits vorher stark interessiert. Ich durfte in verschiedenen Betrieben tätig sein, welche stets einen Bezug zur Aviatik oder gar den Flughafen Bern selber hatten. Dass ich jetzt aber bereits nach relativ kurzer Zeit die Chance habe, hier als CEO tätig zu sein, ist schon eine tolle Herausforderung», sagt er. Zuvor leitete Gantenbein, der 2008 an der Universität Bern seine Doktorarbeit über die volkswirtschaftliche Bedeutung des Flughafens Bern geschrieben hatte, die Reisestelle des Bundes, die Spezialfinanzierung Luftverkehr beim Bundesamt für Zivilluftfahrt sowie ein Team im Bereich der Flugzeugfinanzierungen bei einer Grossbank. Während des Studiums bekleidete er diverse Funktionen bei einer Regionalfluggesellschaft und gründete während der Schulzeit ein kleines Reisebüro. Er ist verheiratet und Vater zweier Kinder. Der «Geschäftsführer» traf ihn zum Interview.

Herr Gantenbein, in einem Unternehmen spricht man oft vom sogenannten Alleinstellungsmerkmal «USP» – der Unique Selling Proposition. Alleinstellungsmerkmale hat der Flughafen Bern aufgrund seiner strategischen und regional-logistisch und -touristischen Bedeutung zur Genüge. Sie betonen aber auch immer wieder die «emotionale Verbundenheit» der Region mit dem Flughafen. Also gewissermassen die «ESP», die Emotional Selling Proposition.
In der Tat ist es so, dass in der Umgebung viele Personen und ansässige Unternehmen nicht einfach erfreut sind über die Existenz des Flughafens, sondern dieser auch eine besondere Bedeutung hat. Natürlich ist und bleibt der Flughafen Bern im Verhältnis zu den Landesflughäfen klein, das ist weitgehend allen bewusst. Dessen ungeachtet stellt der Flughafen eine Plattform für unternehmerische und fliegerische Aktivitäten dar und ermöglicht der Region einen gewissen Nutzen: Im Vordergrund steht hier die ganz nüchterne Konnektivität, die Anbindung des Wirtschafts- und Lebensraumes an andere Wirtschaftsregionen über den Luftverkehr, jeweils bereitgestellt durch die Fluggesellschaften mit Linienverkehr oder auch mal mit einem Privatflug für Geschäfts- oder Privatreisende. Dies ist ein Standortvorteil und ein Beitrag an die Mobilität. Menschen zu verbinden, ist wunderbar. Verbringen Sie mal ein paar Minuten als Beobachter in einer Ankunftshalle im Flughafen, da erlebt man pure Emotionen. Als Hauptstadtflughafen wickeln wir zudem regelmässig diplomatischen Verkehr ab wie aber auch Rettungsflüge oder Organtransporte über den Luftweg, beispielsweise für das Inselspital. Auch da wird es emotional. In Windeseile melden sich jeweils unsere Mitarbeitenden, wenn es Freiwillige zur Abwicklung eines kurzfristig angekündigten Rettungsfluges mitten in der Nacht braucht – und die Anwohnerschaft zeigt für solche Flüge dankbarerweise auch grosses Verständnis. Auch im Kleinen kann man Nutzen stiften, und das wird von der Kundschaft aus Politik, Wirtschaft und Diplomatie geschätzt. Dabei haben Sie recht, die Alleinstellungsmerkmale wie kurze Check-in-Zeiten, kurze Wege und günstige Parkgebühren für die Reisenden sind evident. Bei uns gilt: Einfach. Schnell. Weg. Wir arbeiten aber, wie Sie sagen, nicht nur mit den angebotsorientierten, sondern auch mit den «emotionalen» Alleinstellungsmerkmalen. So schaffen gerade auch die persönliche und familiäre Atmosphäre sowie der verstärkte regionale Bezug einen emotionalen Mehrwert, auf dem wir aufbauen.

Wie arbeiten Sie denn als CEO mit den Emotionen?
Die Emotionen ergeben sich in der Begeisterung für den Standortfaktor Flughafen und dessen Vorteile. Diese betonen wir regelmässig. Das ist nicht einfach nur Marketing, sondern auch echte Kundenpflege. Diesen Sommer werden durch SkyWork Airlines und Helvetic Airways ab Bern über 25 Destinationen angeflogen, viele davon im Mittelmeerraum, besonders geeignet für Badeferien. Doch auch für Geschäftsreisende ist das Fliegen ab Bern attraktiv, es bestehen Verbindungen zu wichtigen europäischen Metropolen wie Amsterdam, Berlin, München, London, Hamburg und Wien. Wir freuen uns in Bern auf jeden Fluggast, und bei uns zählt jeder Passagier! Da gilt es, den Flugreisenden aus der Region zu vermitteln. Dadurch, dass wir «nur» der viertgrösste internationale Flughafen in der Schweiz sind, können die Entscheidungswege kurzgehalten werden. Man pflegt direkte Kontakte zu Fluggesellschaften und Reiseanbietern, die den Puls der Leute in der Region ebenfalls und anders spüren. Das ist sehr wichtig, denn auch wir müssen in vielen Dingen nicht immer nur rational denken und gleich handeln wie alle anderen, sondern um die Denkweise und Meinungen der Menschen im Grossraum Bern wissen und im Verkauf auch mal versuchen zu überraschen. Die Bedürfnisse der Region zu spüren, ist gerade auch bei politischen Abklärungen für Entwicklungsvorhaben von grosser Bedeutung. Ich selbst versuche den Flughafen so zu führen, dass man sich mit konstruktiven Vorschlägen jederzeit einbringen kann. Ein offener und proaktiver Gesprächspartner zu sein, erachte ich gerade im Austausch mit politischen Partnern als zentrales Anliegen, auch wenn nicht immer alles gelingen mag.

Welche Unterschiede bestehen in der Führung eines Flughafens im Vergleich zu einem anderen Unternehmen oder zum Gewerbe?
Man führt einen Flughafen wie ein Unternehmen, aber eben nicht ausschliesslich wie ein «privates». Wir haben eine Konzession, sind ein Service public. Durch das öffentliche Interesse erhält die Kommunikation eine besondere Bedeutung, ebenfalls sind die Tätigkeitsfelder damit sehr vielseitig, was ein hohes und polyvalentes Engagement sämtlicher Mitarbeitenden erfordert. Und die gesellschaftlichen und politischen Aspekte sind in unserem Handeln auch immer mit einzubeziehen. So darf ich vielleicht etwas öfter oder intensiver als andere CEO mit den Behörden und anderen Gremien sprechen, gerade wenn es um Entwicklungen oder bauliche Massnahmen geht, wie beispielsweise beim geplanten satellitengestützten Anflug aus südlicher Richtung, der vierten Ausbauetappe oder bei der kürzlich realisierten Pistensanierung. Ein Austausch, den ich übrigens sehr schätze.

Wir befinden uns in dieser globalisierten Welt ständig in Bewegung. Die Anforderungen an eine Drehscheibe wie einen Flughafen werden immer komplexer und die Bedürfnisse immer «zielgruppen-affiner». Welche Herausforderungen warten auf den Flughafen Belp in den kommenden Jahren? Inwiefern hat die voranschreitende Digitalisierung hier einen Einfluss?
Natürlich gehen wir mit der Zeit und sind uns die Veränderungen der Arbeitswelten bewusst – auch bezüglich der Digitalisierung. Da wird in den nächsten Jahren einiges passieren. Die Flugführung ohne terrestrische Navigationshilfen ist eine solche Entwicklung, die sich bei uns mit der Etablierung des geplanten satellitengestützten Anflugs aus südlicher Richtung verstärkt. Aber man kann mit der Digitalisierung der Arbeitswelten rund um den Flughafen möglicherweise auch neue Geschäftsfelder eröffnen. Das Thema Drohnen zum Beispiel ist ein sehr spannendes Feld. Da existieren noch diverse juristische und operationelle Herausforderungen, aber wir stehen dieser Entwicklung offen gegenüber. Digitalisierung hat in der Aviatik natürlich eine grosse Bedeutung aufgrund der Technologien, die jetzt und künftig eingesetzt und benötigt werden. Das gilt nicht nur für automatisierte Prozesse. Man denke da auch an Flugzeuge mit geringen Lärmemissionen oder gar E-Flugzeuge. Spannend ist das Thema «Remote Tower», wo Fluglotsen in einem entfernten Raum verschiedene Tower bedienen und die Flugverkehrskontrolle übernehmen können. Das kann zu betriebswirtschaftlich effizienteren Lösungen führen. Als Unternehmen leben wir natürlich zu wesentlichen Teilen von den Passagieren und Flugbewegungen. Wir wünschen die Reiselustigen der Region für das Fliegen ab Bern zu gewinnen, dies ist eine anspruchsvolle Herausforderung. Neben den 25 Direktverbindungen bestehen auch zahlreiche Umsteigeverbindungen mit SkyWork Airlines und KLM über Amsterdam, eine der grossen europäischen Drehscheiben. Auch neue Märkte sind da wichtig: Wir freuen uns, immer mehr Gäste aus der Westschweiz rund um Fribourg und die Seeland-Region begrüssen zu dürfen – der Flughafen Bern ist der nächste und der wohl angenehmste Abflugort für unsere französischsprechende Kundschaft aus der Region – c’est un grand plaisir.

Kann man in einfachen Worten beschreiben, wie man einen Flughafen führt? Welche Kernkompetenzen waren früher und sind jetzt wichtig und welche werden in Zukunft gefragt sein?
Die Kernkompetenzen dürften sich nicht wesentlich verändert haben, wie in vielen Branchen auch dürfte jedoch die Komplexität und Dynamik etwas zugelegt haben. Es bedarf sicherlich der Freude am Austausch mit unterschiedlichen Interessengruppen, eine gute Prise Geduld und Gelassenheit sowie ein gewisses feu sacré. Das Flughafengeschäft hat viel mit Infrastrukturentwicklung – am Boden wie in der Luft – zu tun. Dies benötigt viel Zeit, hat einen langfristigen Charakter, da ist ein gewisses vorausschauendes Agieren hilfreich, gerade auch bei solchen strategischen Themen ist man auf ein kollegiales und motiviertes Team angewiesen. Bei der Umsetzung gibt es manchmal Vorbehalte oder Einsprachen, welche Projekte blockieren. Hier bedarf es guter Argumente, welche Wertschöpfungskette und welche gesellschaftlich-kulturellen und wirtschaftlichen Chancen infrastrukturelle Veränderungen an Flughäfen bringen können.

Allen Flughafen-Mitarbeitenden ist klar: Es kann auch einmal ein Unglück passieren, womit man umgehen muss. Gibt es auch Momente, welche Sie gewissermassen befürchten beziehungsweise nie erleben möchten?

Selbstverständlich existieren diese Momente, und glücklicherweise bin ich von grösseren Ereignissen verschont geblieben. Wir leben eine Sicherheitskultur, diese beinhaltet letztlich auch ein Bewusstsein über alle Eventualitäten bis hin zu einem schwarzen Anzug, der im Büroschrank hängt. Wir haben eine Krisenorganisation, und auch ich weiss, was zu tun ist, wenn besondere Situationen eintreten und ich als CEO informieren und Rede und Antwort stehen muss. So weit die Theorie. Dass die Realität anders sein kann, ist uns allen bewusst, und dem begegnen wir mit grossem Respekt. Aus diesem Grund führen Flughäfen mit ihren Partnern immer wieder auch grössere Übungen durch, wie letztmals im vergangenen November mit rund 300 Beteiligten. Dabei erkennt man unweigerlich, dass man in gewissen emotional äusserst belastenden Situationen auch mal menschlich und mental besonders stark gefordert werden kann. Alle sind bei diesen Übungen hoch engagiert und alle wünschen sich, dass der Ernstfall nie eintritt.